Warum ist die AfD im Osten so stark?

Lieblich schmiegt sich Dippoldiswalde in die Landschaft der Sächsischen Schweiz. Die Häuser im Ortskern leuchten in Pastellfarben, die Straßen sind aufgeräumt. Wie ein Ort, an dem man Angst vor dem Untergang Deutschlands haben müsste, sieht es nicht aus. Und doch herrscht Unmut. Den etablierten Parteien haben die Menschen bei der Bundestagswahl die Schuhe vor die Tür gestellt. Stattdessen holte die AfD hier rund 35 Prozent der Stimmen. Im Ort gibt es Angst vor Fremden oder vor sozialem Abstieg.

RENÉ ROTHE: „Was wird aus meiner Rente, das frage ich mich? Ich muss ja nur zahlen jetzt hier für die Flüchtlinge. Und wenn die Familien nachgezogen kommen, muss ich ja wieder zahlen, oder?“

GISELA: „Na, dass jetzt die ganzen Ausländer erst mal rausmüssen, dass die jungen Leute Arbeit kriegen, das und das. Sie sehen doch: so viel Arbeitslose.“

Die Ablehnung von Migranten ist laut Rolf Süßmann, Sprecher des AfD-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, deutlich in der Region.

„Gerade hier muss man sagen, ist man zu großen Teilen mit einer multikulturellen Gesellschaft überhaupt nicht einverstanden, man will diese multikulturelle Gesellschaft hier nicht haben und an dem hat sich die Politik zu orientieren.“

Laut Angaben auf Stadt-Webseite leben in Dipps, wie die rund 14.500 Einwohner ihren Heimatort liebevoll nennen, 132 Asylbewerber. Die Arbeitslosenquote liegt bei nur vier Prozent. Klingt gut – aber viele, die Arbeit haben, klagen über Niedriglöhne und schlappe Internetverbindungen.

Den Verheißungen einer globalisierten, digitalisierten Zukunft stehen die Menschen skeptisch gegenüber. Auch, weil sie die Folgen der Wende als schmerzhaft erlebt haben, wie Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt.

„In vielen Regionen ist Abwanderung zu beobachten gewesen, hat sich nicht Wirtschaft angesiedelt, sind keine Perspektiven für Arbeitsplätze dagewesen. Noch dazu hat man es dann mit neuen Konkurrenzen auf den Arbeitsmärkten zu tun, auch im kleinen wirtschaftlichen mittelständischen Bereich kommen plötzlich Arbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa auf den Markt und es gibt Lohndumping und alle solche Erfahrungen führen eben dazu, dass man eben nicht nur den Aufbruch, sondern auch die Abstiegsangst zum öffentlichen Thema gemacht hat.“

Und das lautstark. Bei Angela Merkels Wahlkampfauftritten gab es vielerorts Proteste, nicht nur aber besonders schrill im Osten. Der Politologe Werner Patzelt von der Technischen Universität Dresden erklärt, warum die Wut so groß zu sein scheint.

„Im Osten fingen die Proteste gegen die Einwanderungspolitik sehr früh an. Die westlichen Eliten haben darauf reagiert mit der Aussage: Ihr beklagt Euch über Dinge, die gar keine echten Probleme sind, wenn ihr das tut, seid ihr entweder dumm oder Rassisten oder beides. Wir hören euch nicht länger zu. Folglich war man im Osten empört und als die AfD sich anbot, all diesen Empörungsempfindungen Ausdruck zu verleihen, war man glücklich sie zu wählen.

Und die Rechtspopulisten waren froh, gewählt zu werden. Nun müssen sie allerdings zeigen, dass sie mehr können, als die Regierung zu „jagen“, wie Spitzenkandidat Alexander Gauland nach der Wahl ankündigte. Denn laut einer Studie von infratest dimap haben zwei Drittel der Wähler aus Protest für die AfD gestimmt.

„Das war eine Genugtuung, das mal zu sehen, wie die Parteien reagiert haben. Das war eine richtige Genugtuung nach der Wahl, muss ich Ihnen ehrlich sagen.“

Kampfansage oder Hilferuf? Um ihre Wähler zurückzuholen, müssen die abgewatschten Parteien darauf eine gute Antwort finden.