Putschversuch in der Türkei – ein Jahr später

Die türkischstämmige Anwältin Seyran Ates und der Regisseur Mustafa Altioklar ziehen eine ernüchternde Bilanz.

Der Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli, am Samstag jährt er sich zum ersten Mal. In der Folge wurden rund 50.000 Menschen festgenommen, wegen mutmaßlicher Kontakte zur Gülen-Bewegung. Rund 150.000 Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, der Justiz, der Polizei und des Militärs wurden entlassen oder vom Dienst suspendiert. Journalisten wurden verhaftet, Sender und Zeitungen geschlossen. Regimekritiker setzten sich ins Ausland ab.

Der türkische Regisseur Mustafa Altioklar konnte nach kritischen Äußerungen gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nicht mehr in seiner Heimat arbeiten. Seit knapp einem Jahr lebt er in Berlin. Vom Zustand der Türkei ein Jahr nach dem Putsch zeichnete er am Freitag ein düsteres Bild: „Ich weiß es nicht. Niemand weiß das genau. Es gibt aktuell keine Fortschritte, es gibt keine Verfassung, es gibt kein Gesetz. Was immer die machen wollen, machen sie auch, obwohl das gegen die Grundrechte verstößt. Niemand weiß genau, was gerade passiert, was morgen passiert oder was passieren würde, wenn ich in die Türkei zurückkehre.“

Auch die türkischstämmige Menschenrechtlerin Seyran Ates zog am Freitag in Berlin eine ernüchternde Bilanz: „Innerhalb eines Jahres wurde das Land in einer extremen Weise gespalten, dass wir jetzt gerade wirklich von sehr verhärteten Betonköpfen und Lagern sprechen können. Was nun da tatsächlich passiert ist, wissen wir immer noch nicht. In diesem einen Jahr haben wir viele Theorien gehört. Ich gehöre zu denjenigen, die sagen, das war für mich kein echter Putschversuch.“

Erdogan jedenfalls zeigte Härte, setzte später mit einem Referendum den Umbau zu einem Präsidialsystem durch. Passanten in Köln standen am Freitag überwiegend hinter Erdogan.

„Natürlich man kann seine Meinungen, Vorschläge geben, aber im Endeffekt hat Erdogan zu bestimmen, was in seinem Land passiert. Wie Deutschland auch hier. Und das finde ich von Europa ungerecht“, so Mehmet-Ali Dündar.

Siman Zendeli meint: „Für mich hat sich da ehrlich gesagt nicht viel verändert. Außer dass die Parteien, die sehr stark aufgehetzt haben, halt jetzt das bekommen haben, was sie verdienen, meiner Meinung nach. Also beziehungsweise ich sehe als Führungsperson Erdogan supergut.“

„Was den Putsch angeht, sei mal dahingestellt, ob es geplant war von Herrn Erdogan, oder ob es von außen her kommt und das nicht wirklich alles geplant war, um Herrn Erdogan in der Politik und in den Medien überall schlecht darzustellen. Was soll ich dazu sagen? Und hier in Deutschland wird das natürlich alles, die Rolle von Herrn Erdogan, sehr negativ dargestellt“, so Serhat Akman.

Seyran Ates glaubt zu wissen, warum viele Türken in Deutschland hinter Erdogan stehen und bei dem Referendum über die Verfassungsänderung für ihn gestimmt haben.

„Na ja, es sind ja nun sehr konservative Menschen überhaupt grundsätzlich aus der Türkei hierhergekommen. Und Herr Erdogan hat eine Sache gemacht: Er ist der einzige Politiker in der gesamten Geschichte der Gastarbeiter, der gesagt hat und selber hergekommen ist, ‚Ihr gehört zu uns, ich bin da, ich bin für euch da‘, und hat den Menschen eine Identität gegeben.“

Kurz vor dem Jahrestag des Putschversuchs hatten die türkischen Behörden zuletzt weitere 7000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes von ihren Aufgaben suspendiert. Darunter sind Polizisten, Mitarbeiter in Ministerien und Universitätslehrkräfte, wie aus einem am Freitag veröffentlichten Dekret hervorgeht.