Özcan Mutlu (Grüne): „Ich bin gegen eine Quote für Migranten“

Wer nachmittags über den Leopoldplatz in Wedding läuft, sieht Dönerbuden, Studenten der nahe gelegenen Beuth-Hochschule, Bettler auf der Straße. In direkter Nachbarschaft zu diesem bunten Treiben, in der Malplaquetstraße, hat Özcan Mutlu (49) sein Bürgerbüro. Er will als grüner Direktkandidat für den Wahlkreis Mitte in den Bundestag ziehen.

Özcan Mutlu steigt aus seinem Elektroauto aus. Vor seinem Büro: ein Hochbeet, bepflanzt mit Sommerblumen. Erste Station im B.Z.-Wahl-O-Smart ist das Himmelbeet an der Ruheplatzstraße.

Was genau ist das Himmelbeet?

„Das ist ein wunderbarer Nachbarschaftsgarten mitten in der Stadt, der von jungen Leuten vor einigen Jahren ins Leben gerufen worden ist. Man kann sich dort eine kleine Parzelle mieten und Gemüse anpflanzen. Sie arbeiten viel mit Schulen und Kindergärten, die dort ihre Beete haben. Es ist ein toller Ort, um Menschen zu treffen, zusammenzukommen und gemeinsam etwas zu erleben und zu lernen. Dort finden auch eine Menge politischer Aktivitäten statt. Zum Beispiel engagieren sie sich stark für Geflüchtete. Es ist u. a. auch eine gute Möglichkeit zur Traumabewältigung, eine tolle Integrationsarbeit, die dort geleistet wird.“

B.Z.-Reporter Johannes Malinowski und Özcan Mutlu (Grüne) (Foto: Stefanie Herbst)
B.Z.-Reporter Johannes Malinowski und Özcan Mutlu (Grüne) (Foto: Stefanie Herbst)

Sie in Mitte, Frau Bayram in Friedrichshain-Kreuzberg. Will Ihre Partei so bewusst türkischstämmige Wähler ansprechen?

„Unsere Partei spricht türkischstämmige WählerInnen mit unserer Programmatik an. Ein Großteil der türkischen Community hier hat außerdem kein Wahlrecht. Ich bin jemand, der immer gegen die Migrantenquote gekämpft hat. Ich bin der Meinung, die Menschen sollen nicht nach ihrer Herkunft beurteilt werden, sondern nach ihren Qualitäten. Wenn ich nur auf meine Herkunft reduziert werde, dann sind mein Können, meine Erfahrung und meine Qualität zweitrangig. Leider sind jedoch Quoten manchmal nötig, beispielsweise zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen auf allen betrieblichen Ebenen, in denen sie immer noch unterrepräsentiert sind.“

Gibt es in Mitte Gegenden, die Sie meiden?

„In Mitte nicht, ich kann überall hingehen. Aber es gibt im Ostteil der Stadt solche Bereiche. Ich habe keine Angst, ich kann mich wehren. Aber es gibt Orte in dieser Stadt, wo sich Migranten oder Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht freiwillig hinbegeben, weil sie Angst haben, angemacht oder verprügelt zu werden. Das gibt es sicherlich auch im Westteil, wo Deutsche ohne Migrationshintergrund Angst haben. Aber im Dialog liegt die Kraft. Deshalb sollte man immer wieder die Begegnung suchen.“

Die Fahrt im B.Z.-Wahl-O-Smart geht dem Ende entgegen. Mutlu berichtet von seiner Tour durch die Küchen seiner Wähler. Er kocht mit ihnen, will so ins Gespräch kommen. „Ich kenne Menschen mit 200 Quadratmeter großen Wohnungen und Menschen, die zu acht auf 60 Quadratmetern leben.“ All das gibt es in Mitte.

Wer ist Grünen-Kandidat Özcan Mutlu?

Özcan Mutlu wurde 1968 in Kelkit im Nordosten der Türkei geboren. Seit 1973 lebt er in Berlin, 1990 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Von 1985 bis 1989 absolvierte Mutlu eine Ausbildung zum Informationselektroniker an der TU. Im Anschluss studierte er an der Technischen Fachhochschule Elektrotechnik. Sein Studium beendete er als Dipl.-Ing. der Nachrichtentechnik.

Seit 1990 ist Mutlu Mitglied der Grünen. „Ich habe gesehen, wie wunderbar es ist, dass friedliche Bürgerproteste die Mauer zum Zusammenbrechen gebracht haben. Das hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, sich einzusetzen für Freiheit, für Demokratie, für Gleichberechtigung.“

Von 1999 bis 2013 war Mutlu Mitglied des Abgeordnetenhauses. Seit 2013 sitzt er im Bundestag. Er ist Mitglied im Sportausschuss und im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Mutlu lebt in Mitte, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Der Bezirk Mitte in Zahlen

Mitte hat die Wahlkreisnummer 75

► 205.543 Wahlberechtigte

► Die größten Gruppen: 25–34 Jahre mit 24,4 % und 45–59 Jahre mit 23,9 %

► Migrationshintergrund: 18,6 %

► evangelisch: 21,1 %

► katholisch: 10,6 %

► ledig: 52 %

► verheiratet: 30,7 %

► Hartz-IV-Fälle: 26,2 %

► Wohnlage einfach: 69,4 %

► Wahlbeteiligung 2013: 75,3 %

► Zweitstimmen 2013: 26,1 % SPD und 22,6 % CDU

► Wahlkreissieger: seit 2002 SPD

► Vorsprung 2013: 6095 Stimmen mehr für die SPD-Kandidatin