Machen uns Dating-Apps wie Tinder beziehungsunfähig?

Tinderst du noch – oder liebst du schon? Anders gesagt: Hast du nur unverbindlichen Casual Sex mit Hinz und Kunz – oder steckst du längst ungewollt mitten in einer Beziehung? Heute lernt man sich ja gerne möglichst stressfrei, bitte unverbindlich und immer öfter online kennen – aber, ganz ohne Folgen bleibt auch das nicht!


Ja, das Internet ist ein Segen. Es eröffnet uns gerade in Liebesdingen viele Möglichkeiten, die zu analogen Zeiten einfach nicht denkbar waren. Früher musste man wochenlang am Objekt der Begierde rumbaggern, um vielleicht endlich mal ein Solo-Date zu ergattern. Heute wischt man sich einfach durch diverse Apps – und siehe da: Es wird immer jemanden geben, der genau so einsam ist, wie man selbst – und das nur allzu gerne und sofort ändern möchte. Dann trifft man sich – und wenn alles gut läuft, landet man am Ende vielleicht sogar gemeinsam im Bett und verbringt eine hoffentlich tolle Nacht zusammen. Und dann? Dann geht jeder meistens erst einmal wieder ganz modern und selbstbestimmt seiner Wege. Telefonnummern austauschen? Sowas von 1994! Die moderne Dating-Kultur ist so unverbindlich, dass sich oft keiner der Beteiligten traut, auch nur einen Funken mehr Interesse zu zeigen. Selbst wenn er es eigentlich gerne will! Weil: das könnte uncool sein! Und genau hier liegt das Problem. Wie soll man denn in diesen ach so multimedialen Zeiten noch die Liebe des Lebens finden? Oder erst einmal merken, dass man sie vielleicht bereits gerade gedatet hat?

Online-Dating hin oder her: Wahre Liebe findet auch in der Post-Postmoderne immer noch analog statt! Sie kann gar nicht anders! Und auch in unseren übermäßig aufgeklärten und übersexualisierten Zeiten geht es doch eigentlich am Ende immer nur um eines: große Gefühle. Und die sind eben nicht digitalisierbar, sondern nach wie vor nur höchst persönlich und unmittelbar erfahrbar.

Tja, und was macht man nun, wenn das eine der unzähligen digitalen Dates das besondere war? Dann muss man ganz schnell den Weg zurück in die analoge Wirklichkeit finden. Denn: Ja, auch in unverbindlich digitalen Zeiten kann man sich verlieben! Und was spricht denn dagegen, das Objekt der Begierde echt kennenzulernen? Real und auf Augenhöhe. Ganz altmodisch bei Tageslicht. Unverbindlichkeit mag ihren Reiz haben – aber eben auch ihre Tücken: Es gibt keine Basis, alles wird immer und ständig hinterfragt, ob nicht vielleicht doch irgendwo noch was besseres wartet. Verbindlichkeit klingt vielleicht im ersten Moment anstrengend. Eigentlich ist sie ein Abenteuer. Man steigt eben nicht gleich wieder aus, wenn es anstrengend wird. Man lässt sich ein – lässt die Dinge laufen, sich entwickeln – und überlässt sich einfach mal dem, was da kommt.

Liebe will riskiert werden! Und wenn man online die Person gefunden hat, die eventuell auch real die richtige sein könnte, dann sollte man handeln – und zwar im wirklichen Leben.


Machen uns Dating-Apps wie Tinder beziehungsunfähig?