Reise zu Nordirlands Küstenstraße: Wie bitte? Ich versteh nichts, der Wind ist so laut

Mittelalterliche Burganlagen, wilde Steilküste und Drehorte für „Game of Thrones“: Nordirlands Causeway Coastal Route.

Der Legende nach wurde die mittelalterliche Burg Dunluce Castle nur deshalb zur Ruine, weil die Burg-Küche samt Personal vor 377 Jahren die Klippe hinab ins Meer stürzte. So steht es im Reiseführer. Ich vermute ja eher, dass den Burgherren das raue Klima zusetzte.

Die Wolkendecke hängt bedrohlich über unseren Köpfen und der Wind pfeift uns kräftig ins Gesicht während unserer Entdecker-Tour über die Causeway Coastal Route (gilt als eine der schönsten Küstenstraßen Europas, 315 Kilometer lang) zwischen den Städten Belfast und Derry-Londonderry. Mit einer Freundin und unseren Söhnen (14 und 15 Jahre alt) fahren wir durch den Norden der Grünen Insel. Fahren links, zahlen mit Pfund, essen Fish&Chips und trinken Guinness. Nordirland steht unter britischer Regierung, das merkt man, an jeder Straßenlaterne flattert der rot-blau-weiße Union Jack.

Dreistündige Fahrrad-Tour durch Belfast

Wir starten in Belfast und erkunden die Stadt mit einer geführten, dreistündigen Fahrrad-Tour. Dass die Stadt 30 Jahre lang (1969–1998) Schauplatz von blutigen Kämpfen zwischen Katholiken und Protestanten war, daran erinnern an Backstein-Fassaden Wandmalereien mit den Bildnissen von Gefallenen.

Wir besuchen den St. George’s Market, essen Austern (Stück 1 Pfund) und unten, am Fluss Lagan, scheuen wir Mütter uns nicht, der großen Fisch-Skulptur einen Kuss aufs Maul zu drücken. Soll schließlich Glück bringen. Die Jungs schämen sich etwas für uns, aber sie kommen schon noch auf ihre Kosten: Das Titanic-Museum am Hafen, eine postmoderne Gedenkstätte für das berühmteste und tragischste Schiff aller Zeiten, ragt mit seiner schillernden Fassade spektakulär in den Himmel.

Nicht weit entfernt davon befindet sich Europas größtes Film-Studio. In der riesigen Halle wurden einst Schiffs-Teile angemalt. Heute wird dort die preisgekrönte TV-Fantasy-Serie „Game of Thrones“ (38 Emmys) gedreht. Was in der Halle geschieht, bleibt in der Halle, größte Geheimhaltung.
Weiter zum Seebad Portrush und Benone Beach

Unser nächstes Ziel, das Seebad Portrush, liegt im Norden. Zum Baden ist das Wasser viel zu kalt, dafür können wir unterhalb der Kreidefelsen jede Menge Surfer beobachten, die auf den Wellenkämmen reiten.

Eine halbe Auto-Stunde entfernt liegt der Benone Beach, auf dem man mit dem Auto fahren darf. Dort rasen wir mit Blokarts (Strandseglern) über den Strand, das Wettrennen bringt uns ein Peeling und Dauergrinsen ins Gesicht, am Ende knirscht Sand zwischen unseren Zähnen.

Barfuß unterwegs, um die Schwingungen von Mutter Erde zu spüren

Die Küstenstraße bietet eine Fülle an wechselnden Foto-Motiven. Besonders reizvoll ist der Giant’s Causeway (Unesco-Weltnaturerbestätte): eine Gesteinsformation, vor 60 Millionen Jahren entstanden, als die tektonischen Platten auseinanderdrifteten und die heiße Lava mit dem Meer in Berührung kam. Glaubt man den Nordiren, versuchte der Riese Finn MacCool (Schuhgröße 128), eine Verbindung nach Schottland zu bauen. 40.000 sechseckige, ineinandergreifende Basaltsäulen fallen zum Meer hin ab – und können erwandert werden. Einige Besucher ziehen die Schuhe aus, um die Schwingungen von Mutter Erde zu spüren. Das moderne Info-Zentrum zählte letztes Jahr 851.000 Besucher. Es lohnt sich also, früh vor dem Menschenandrang dort zu sein. Das Gleiche gilt auch für die Carrick-a-Rede Rope Bridge.

Schon vor 350 Jahren überquerten hier die Fischer in 30 Metern Höhe das tosende Meer, um zu einer Lachsfangstelle auf einer kleinen Insel zu gelangen. Ein wenig Mut erfordert es schon, über die Stahlbrücke zu laufen.

Dem Hype um „Game of Thrones“ hingeben

Auch das sagenumwobene, riesige Dunluce Castle besitzt eine Brücke in luftiger Höhe. Wer sie überquert, dem stehen die Haare zu Berge. Der Wind braust hier so heftig, dass wir brüllen müssen, um uns zu verständigen. Könnten die alten Steine reden, sie würden von Aufständen, verfeindeten Clans, Meerjungfrauen und Todesfeen berichten. In „Game of Thrones“ war sie die Kulisse für Haus Graufreud.

Am letzten Tag geben wir uns dem Hype um „Game of Thrones“ hin. Wir buchen ein Touristenpaket, verbringen den Tag auf „Burg Winterfell“, die eigentlich Castle Ward heißt. Statt auf Pferden erkunden wir auf Fahrrädern die Landschaft, vorbei an insgesamt neun Drehorten. Zur Ausrüstung gehören ein Rucksack mit zwei Gummi-Schwertern und ein Original-Umhang aus der Serie. William (49), der schon die Stars im Bogenschießen und Fechten coachte, trainiert jetzt uns am Film-Set. Wir fühlen uns dann tatsächlich alle ein bisschen wie Ladys und Lords.

Video-Source: B.Z.
Fotos: B.Z.