Dresden (AFP) – Als Uwe R. sich vom Zeugentisch erhebt, läuft er zur Anklagebank und blickt den beiden Männern dort ins Gesicht. „Reden Sie endlich”, fordert der 58-Jährige mit ruhiger Stimme die Angeklagten auf, die vor rund neun Monaten seine 17-jährige Tochter Anneli-Marie entführt und getötet haben sollen. Seit Montag müssen sich die mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Dresden verantworten.

Für Annelis Familie ist es ein schwerer Gang. Ihre Mutter Ramona R., die zusammen mit Vater und Schwester als Nebenklägerin auftritt, blickt starr hinüber zur Anklagebank, wo die mutmaßlichen Peiniger ihrer Tochter mit gesenkten Köpfen sitzen. Sie wollen endlich Antworten haben auf die Frage, warum Anneli sterben musste – und sie wollen „die Höchststrafe”.

Antworten bekommen Annelis Eltern an diesem ersten Prozesstag nicht. Vom 40-jährigen Markus B., der die Gymnasiastin im vergangenen August getötet haben soll, kommt kein einziges Wort. Sein Mitangeklagter Norbert K., ein aus Berlin stammender Forstwirt, lässt sich immerhin zum Lebenslauf befragen.

Zu Annelis Entführung am 13. August schweigt auch er. Über seinen Anwalt Andrej Klein legt der 62-Jährige lediglich ein Teilgeständnis ab. Sein Mandant habe sich durch das Fahren des Tatfahrzeugs der Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub schuldig gemacht, heißt es in der von Klein verlesenen Erklärung. Er sei aber nicht in die Pläne zur Tötung Annelis eingeweiht gewesen.

Die Anklagevertreter sehen dies freilich anders. „Norbert K. wusste sehr wohl von dem Vorhaben, Anneli zu töten”, sagt Oberstaatsanwältin Karin Dietze. Er „hielt B. aber von der Tötungsabsicht nicht ab”.

Der verschuldete Markus B., ein kleiner stämmiger Mann, plante nach Auffassung der Staatsanwaltschaft schon länger, jemanden zu entführen und Lösegeld zu fordern. Er recherchiert Dietze zufolge im Internet „nach potenziellen Opfern”, besorgt sich ein Betäubungsmittel und kundschaftet schließlich Annelis Familie aus, die in der Gemeinde Klipphausen bei Meißen lebt. B. hat ein Wohnhaus in der Nachbarschaft.

An jenem 13. August verlässt Anneli wie so oft mit Hund und Fahrrad am Abend das Elternhaus zum Gassigehen. Nach einigen hundert Metern springt Markus B. laut Dietze auf Anneli zu. Das Mädchen wird in den Kofferraum des bereitgestellten Autos gepackt sowie an Händen und Füßen gefesselt. Sie leistet „heftige Gegenwehr”.

Wenig später hat Annelis Vater erstmals Kontakt mit den Entführern. Sie fordern 1,2 Millionen Euro von dem Bauunternehmer und drohen, ansonsten werde er das Kind nicht wiedersehen.

„Ich ging von einem bösen Scherz aus”, berichtet Uwe R. am Montag. Während des Telefonats jedoch hört er im Hintergrund seine Tochter schreien. Später zeigt sich, das dies das letzte Lebenszeichen von Anneli ist.

Die Familie ist bereit, Lösegeld zu zahlen. Doch zur Übergabe kommt es nicht – zu planlos, zu dilettantisch gehen die Täter vor. Durch Observationen und DNA-Abgleiche kommen die Ermittler ihnen schließlich auf die Spur und nehmen sie vier Tage nach der Entführung fest.

Zu diesem Zeitpunkt ist Anneli schon tot. Der Anklage zufolge soll Markus B. das Mädchen bereits zwei Tage nach der Entführung erstickt haben. Auf dem verlassenen Grundstück des 40-Jährigen bei Klipphausen wird später ihre Leiche gefunden.

„Das eigene Kind durch diese entsetzlichen Umstände zu verlieren, zu Grabe zu tragen und den Verlust lebenslang zu ertragen”, lasse ihn nach dem Sinn des Lebens fragen, sagt Uwe R. vor Gericht mit stockender, leiser Stimme. Er will von den Angeklagten jetzt „die Wahrheit” hören.

Von Andrea Hentschel, AFP

Prozessauftakt im Mordfall Anneli: Für die Familie ist es ein schwerer Gang