Trautonium – das merkwürdigste Instrument der Welt

Hitchcock machte das Trautonium weltberühmt. Nun ist es in der Ausstellung „Good Vibrations“ zu sehen. Wir haben es sogar gehört.

Man kann zum Alkohol greifen, zu Drogen – oder man setzt sich an ein Trautonium und treibt davon in andere Sphären. Wenn Peter Pichler die Schalter, Hebel, Pedale, Manuale, vor allem aber die aus Widerstandsdraht bestehenden Saiten an seinem 15.000 Euro teuren Instrument bedient, gleitet er, wie er sagt, „ins All“. Und das Publikum mit ihm.

Es ist eine verschworene Gemeinschaft, die sich da für eines der seltenen Konzerte lang in eine fremde Welt verabschiedet, eine Welt ganz aus Elektronik, aus Sounds und Tönen, die von Halbleitern, Frequenzumsetzer, Abklingvorrichtung, Rauschgenerator, elektrischem Schlagwerk, Schaltungen für perkussive Effekte erzeugt werden. Das, was hier eine fast berauschende Wirkung entfaltet, nennt sich „freie tonale Musik“. Zum Abheben – und dabei ganz legal und nicht einmal gesundheitsgefährdend.

Mal klingt die einem frühen Synthesizer ähnelnde Höllenmaschine wie eine Kirchenorgel, mal krachen Kaskaden von Naturgeräuschen aus den Lautsprechern, mal lässt es der Apparat dumpft donnern, mal scharf zirpen. Und wenn Pichler es will, geschieht dies alles gleichzeitig.

Seit seinem Musikstudium, u.a. der klassischen Gitarre, ist Pichler dem Trautonium verfallen. Sein Exemplar ist ein Eigenbau, angelehnt an ein historisches Mixturtrautonium zur Herstellung von subharmonischen Tonreihen, wie es zur Sammlung des Berliner Musikinstrumenten-Museums gehört und dort derzeit im Rahmen der Ausstellung „Good Vibrations. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente“ (bis 25. Juni 2017) zu sehen ist.

Der Urtyp des Trautoniums wurde von Friedrich Trautwein entwickelt und 1930 erstmals in Berlin vorgeführt. Damals komponierte etwa Paul Hindemith spezielle Stücke für dieses Instrument. Das Gerät schien für jene radiobegeisterte Epoche wie geschaffen, der Hersteller Telefunken versprach sich von seinem „Volkstrautonium“ einen reißenden Absatz. Doch statt zum Hype geriet der aufklappbare Holzkasten zum Desaster. „Eine Geschichte vom Scheitern“, sagt Pichler, „aber auf hohem Niveau.“

Das tönende Wunderwerk blieb ein Objekt für Enthusiasten – wie den genialen Hindemith-Schüler Oskar Sala (1910 bis 2002), der in Berlin gewirkt hat und in der Szene heute Kultstatus besitzt. Sala hat 1962 für Alfred Hitchcocks Thriller „Die Vögel“ die akkustischen Spezialeffekte entwickelt. Von ihm hat auch Pichler gelernt.

Er ist heute der einzige Trautoniumspieler, der dieses Instrument in Vollkommenheit beherrscht. Seine Fans sind Jünger von Elektro-Pop, aber auch Klassik-Liebhaber, die Elektroniker von Tangerine Dream oder Kraftwerk bekennen sich als Trautologen. Mit Pichler stirbt eines Tages die ganz hohe Trautonium-Kunst aus. Wo immer es möglich ist, sollte man sich ihm also anvertrauen und ins Trautonium-Land hinübergleiten.